Das Privileg der Schönheit
Anmerkungen zu Andrea Ottenjann
Gegenüber den anderen Lebewesen auf dieser Erde verfügen wir Menschen über einige Vorzüge (nein, es ist nicht der Verstand): Tiere müssen alles, was so fleucht und kreucht, danach beurteilen, ob es essbar oder eher ungenießbar, harmlos oder gefährlich ist. Das Besondere der menschlichen Freiheit besteht in der Fähigkeit, uns selbst und unsere Welt als „schön“ zu erleben. Den meisten Tieren ist es völlig schnuppe, ob’s draußen stürmt oder schneit; vor allem aber scheint Ihnen die Frage „schwarz-weiß“ oder „farbig“ völlig „wurst“ zu sein. Nur der Mensch sieht die Welt so bunt – und findet’s schön! Die Fähigkeit, die Welt farbig zu sehen, zu erfahren, zu erleben und sogar zu empfinden ist Teil unseres Wesens; ist aber auch verbunden mit unserer Sehnsucht. Die glühenden Farben, die Matisse in Collioure findet, sind nicht mehr die Lokalfarben, die den Dingen eigen sind: er transzendiert die Farben unserer empirischen Welt – und schafft mit Purpur, Safrangelb und Scharlachrot die Farben des Goldenen Zeitalters – malt seine Sehnsucht nach paradiesischen Verhältnissen in unruhiger Zeit.
Farbe ist es, Farbe als Ausdruck von Empfindungen und Sehnsüchten, die auch die Bilder von Andrea Ottenjann trägt: die vitale Lebensenergie des Rot, Spuren in gedecktem Weiß, Andeutungen von Landschaft, Häusern – neben collagierten Serien, die Fundstücke und Material aufnehmen, Gesichter, die uns mit großen Augen anschauen. Alles, ob experimentell, nur dem Farbauftrag, der Spachtel, dem Pinselduktus folgend oder dekorativ gemeint und gewollt, bis an die Grenze getrieben: immer ist da diese vitale Energie, eine malerische Leidenschaft, die durchaus nicht selbstverständlich ist. Unbekümmert scheinbar von Moden und Trends, Stilfestlegungen und Marktanteilen ist eine Künstlerin zu sehen, die sich in ihren Arbeiten von einer überbordenden Freude leiten lässt, Freude am kreativen Tun, ganz unbeeindruckt von Tagesstimmungen und Weltenlauf. Als gäbe es da keine Geschichte der Bilder, kein Archiv der Kunstgeschichte, in dem alles schon einmal da war. Mag sein – aber eben nicht so, nicht hier, nicht jetzt. Kunst macht sichtbar, meinte Klee, ja, aber nicht diese Welt – sondern die andere, die mögliche, aus Leidenschaft und Sehnsucht nach Freiheit noch zu machende. In den Bildern scheint sie auf – Äquivalent zur Welt, Hinweis auf das ganz Andere. „Aber die Farbe allein ist Befreiung“ – diese Einsicht des „wilden“ Matisse ist auch jetzt noch, 100 Jahre später, zu entdecken, in den unerschöpflichen Bildwelten von Andrea Ottenjann.
Christian Heeck, Kunstvermittler und Kulturreferent